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Scheidung: Wie bereite ich mich vor und welche Rechte habe ich?

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Um diese Themen geht es beim Video-Podcast:

Eine Trennung oder Scheidung gehört zu den emotional belastendsten Lebensphasen. Oft schwirrt ein emotionales Gedankenkarussell im Kopf: Eine Frage jagt die nächste, und es fehlt an Struktur im Denken. Wie Familienrechtsexpertin Dr. Helga Rettig-Strauß erklärt, bringt eine rechtliche Beratung in dieser Phase vor allem eines: Klarheit und Orientierung.
 
Dieser Podcast gibt einen verständlichen Überblick über den Ablauf einer Scheidung in Österreich, erläutert Ihre Rechte und zeigt auf, wie Sie sich optimal auf Gespräche und Verhandlungen vorbereiten.

1. Die Vorbereitung: Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Rechtsberatung?

Viele Menschen glauben, dass sie sich bereits endgültig für eine Scheidung entschieden haben müssen, bevor sie sich an eine Fachanwältin oder einen Fachanwalt für Familienrecht wenden. Das ist ein Irrtum. Eine Erstberatung dient in erster Linie der Orientierung und der rechtlichen Aufklärung.
 

Muss die Entscheidung zur Scheidung bereits feststehen?

Nein. Viele Ratsuchende kommen zum Beratungsgespräch, um überhaupt erst einmal Klarheit über ihre Situation, ihre Optionen und die rechtlichen Konsequenzen zu gewinnen. Eine qualifizierte Erstberatung hilft dabei, das Gedankenkarussell zu stoppen und einen konkreten Plan für die nächsten Schritte zu erarbeiten.
 
Wichtiger Hinweis zur Beratungsform: Eine seriöse rechtliche Beratung erfordert das persönliche Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Wie Expertin Dr. Rettig-Strauß anmerkt, sind reine Telefon- oder E-Mail-Auskünfte in der Praxis unzureichend, da der Anwalt im direkten Austausch gezielte Fragen stellen muss, um die individuelle Situation vollumfänglich zu erfassen. Ein Erstgespräch dauert in der Regel etwa 1,5 Stunden.
 

So bereiten Sie sich optimal auf das Erstgespräch vor

Sie können zwar völlig ohne Vorbereitung zu einem Erstgespräch kommen, eine kurze gedankliche Strukturierung erleichtert das Gespräch jedoch erheblich. Es empfiehlt sich, zwei Bereiche im Vorfeld zu reflektieren:

  1. Der emotionale Bereich & Eheverlauf:
    • Lassen Sie die Ehe gedanklich ab der Heirat Revue passieren.
    • Wann gab es entscheidende Knicke oder Wendepunkte in der Beziehung?
    • Durch diesen kurzen Rückblick müssen die Details im Gespräch nicht erst mühsam zusammengesucht werden.
  2. Der finanzielle & rechtliche Bereich:
    • Immobilien & Liegenschaften: Welche Grundstücke oder Eigentumswohnungen sind vorhanden?
    • Versicherungen: Gibt es Lebensversicherungen oder sonstige relevante Verträge?
    • Fahrzeuge: Welche Autos existieren und wie alt sind diese?
    • Vermögen & Schulden: Wie ist der aktuelle Überblick über Sparguthaben und bestehende Verbindlichkeiten?

2. Verhandlungen mit dem Partner: Die „Küchentisch-Falle“ vermeiden

Steht der Entschluss zur Scheidung fest, wollen viele Betroffene die Angelegenheit rasch hinter sich bringen, um endlich Ruhe zu haben. In dieser Phase reduzierter Nervenkraft besteht jedoch die Gefahr, aus Gutmütigkeit oder Überforderung Zugeständnisse zu machen, die sich das gesamte restliche Leben negativ auswirken – etwa beim Unterhalt oder bei Ausgleichszahlungen.
 

Verhaltenstipps bei Verhandlungen unter Druck

Bevor Sie mit Ihrem Partner über konkrete Scheidungsdetails sprechen, sollten Sie sich unbedingt rechtlich beraten lassen und keinesfalls voreilig Vereinbarungen unterschreiben oder mündlich zusagen.
 
Wenn Ihr Partner Sie im Gespräch am „Küchentisch“ unter Druck setzt oder eine sofortige Entscheidung fordert, empfiehlt sich folgende Strategie:
 
  • Bedenkzeit einfordern: Hören Sie sich die Wünsche des Partners an und schreiben Sie diese auf. Sagen Sie sachlich und wertschätzend: „Ich schreibe mir das alles auf und überlege mir das. Das ist mir jetzt zu viel, um es direkt am Tisch zu entscheiden.“
  • Fixen Folgetermin vereinbaren: Schlagen Sie einen konkreten Termin vor (z. B. in 1 bis 2 Wochen), an dem Sie sich erneut zusammensetzen, um Ihren Standpunkt oder Gegenvorschlag zu besprechen.
  • Mentale Stütze nutzen: Lehnt der Partner diese faire Bedenkzeit ab, ist das ein klares Zeichen dafür, dass Gespräche ohne rechtliche Vertretung nicht zielführend sind. Ein Anwalt dient in diesem Fall als wichtige mentale Stütze.
Auf Basis des Erstgesprächs kann eine Rechtsanwältin eine sogenannte Punktation (einen Entwurf für die wesentlichen Eckpunkte eines Scheidungsvergleichs) erarbeiten. Mit diesem Leitfaden haben Sie eine klare Struktur für das Gespräch mit Ihrem Partner.
 

3. Die zwei Scheidungsarten in Österreich im Vergleich

Das österreichische Recht unterscheidet grundsätzlich zwischen zwei Verfahrensarten: der einvernehmlichen Scheidung und der strittigen Scheidung. Die Unterschiede betreffen vor allem die Vorarbeit, die Dauer und die rechtlichen Folgen.
 

Die wesentlichen Kriterien im Überblick

Der Vergleich der beiden Scheidungsformen lässt sich anhand von fünf zentralen Kernaspekten veranschaulichen:

  • Voraussetzungen für das Verfahren:
    • Einvernehmliche Scheidung: Erfordert im Vorfeld eine lückenlose Einigung über sämtliche Scheidungsfolgen.
    • Strittige Scheidung: Kommt zum Tragen, wenn keine Einigung möglich ist; die Einleitung erfolgt über eine Scheidungsklage.
  • Ablauf und Dauer des Gerichtstermins:
    • Einvernehmliche Scheidung: Nach Einreichung der fertigen Ausarbeitung dauert der Gerichtstermin meist nur rund 20 Minuten.
    • Strittige Scheidung: Umfasst ein zeitintensives Gerichtsverfahren mit mehreren Verhandlungen, Zeugeneinvernahmen und einer Verschuldensprüfung.
  • Rechtskraft und Scheidungsergebnis:
    • Einvernehmliche Scheidung: Die Scheidung wird direkt vor Ort beim Gerichtstermin rechtskräftig abgeschlossen.
    • Strittige Scheidung: Das Scheidungsurteil löst vorerst nur die Ehe auf und stellt das Verschulden fest, regelt aber noch keine Folgesachen.
  • Aufteilung des Vermögens:
    • Einvernehmliche Scheidung: Das Vermögen und alle Ausgleichszahlungen sind bereits im Scheidungsvergleich vollständig geregelt.
    • Strittige Scheidung: Die Vermögensaufteilung ist im Urteil nicht enthalten und erfordert einen separaten Antrag innerhalb von einem Jahr nach rechtskräftiger Scheidung.
  • Emotionale und finanzielle Belastung:
    • Einvernehmliche Scheidung: Minimiert Belastungen, Kosten und zeitlichen Aufwand deutlich.
    • Strittige Scheidung: Bringt eine hohe Belastung mit sich, da das Risiko von bis zu fünf parallelen Gerichtsverfahren besteht.

Einvernehmliche Scheidung: Der schnellste und schonendste Weg

Bei der einvernehmlichen Scheidung wird die gesamte Arbeit vor der gerichtlichen Tagsatzung geleistet. Die Parteien einigen sich auf alle Punkte. Die Vereinbarungen werden digital an das Gericht übermittelt. Der Termin bei Gericht dauert oft nur rund 20 Minuten, woraufhin die Parteien den gerichtlichen Beschluss direkt in den Händen halten und die Scheidung rechtskräftig abgeschlossen ist.
 

Strittige Scheidung: Ablauf und Fallstricke

Kommt keine Einigung zustande, muss das Verfahren durch eine Scheidungsklage eingeleitet werden.
 
Wichtiger Unterschied: Das Ergebnis einer strittigen Scheidung ist ein Scheidungsurteil. Dieses Urteil löst ausschließlich die Ehe auf und stellt fest, wer das Verschulden an der Zerrüttung trägt (z. B. überwiegendes oder beiderseitiges Verschulden). Das Vermögen ist durch das Scheidungsurteil noch nicht aufgeteilt!
 
Wurde die Ehe strittig geschieden, muss für die Aufteilung des ehelichen Gebrauchsvermögens und der ehelichen Ersparnisse innerhalb von einem Jahr ab rechtskräftiger Scheidung ein eigener Antrag bei Gericht gestellt werden. Bei anhaltendem Streit drohen bis zu fünf parallele Gerichtsverfahren (Ehegattenunterhalt, Obsorge, Kindesunterhalt, Vermögensaufteilung etc.), was extrem belastend und kostspielig ist.
 

Wechsel von strittig zu einvernehmlich ist jederzeit möglich

Die Einbringung einer Scheidungsklage bedeutet nicht, dass ein Verfahren strittig bis zum Ende durchgefochten werden muss. Oft bewirkt erst die gerichtliche Ladung Einsicht beim Partner. Zeigt sich in der Verhandlung Gesprächsbereitschaft, kann das Verfahren ruhend gestellt werden, um in der Zwischenzeit eine Einigung zu erzielen. Das strittige Verfahren wird dann in eine einvernehmliche Scheidung umgewandelt.
 

4. Checkliste: Was in einem Scheidungsvergleich geregelt werden muss

Damit eine einvernehmliche Scheidung möglich ist, muss der Scheidungsvergleich sämtliche Lebensbereiche der Ehepartner regeln. Folgende Punkte sind zwingend zu klären:

  1. Obsorge & Kontaktrecht der Kinder:
    • Wer übernimmt die Obsorge für gemeinsame Kinder?
    • Wo befindet sich der Hauptaufenthaltsort der Kinder?
    • Wie wird das Kontaktrecht (Besuchsrecht) geregelt?
  2. Kindesunterhalt:
    • Wer zahlt Kindesunterhalt und in welcher Höhe?
  3. Ehegattenunterhalt:
    • Wird ein monatlicher Ehegattenunterhalt vereinbart oder ein gegenseitiger Unterhaltsverzicht erklärt?
  4. Vermögensaufteilung & Ausgleichszahlungen:
    • Wer verbleibt in der Ehewohnung / im Ehehaus und wer zieht bis wann aus?
    • Wie werden Ausgleichszahlungen geregelt?
    • Wer übernimmt welche Fahrzeuge, Gegenstände oder Ersparnisse?
    • Wer haftet für bestehende Schulden und Verbindlichkeiten?

5. Das Kindswohl im Fokus

Sind Kinder von der Scheidung betroffen, ist die emotionale Belastung für alle Beteiligten besonders hoch. Auch nach der Scheidung bleiben beide Ehepartner lebenslang Eltern.
In der Hitze der Streitereien passiert es gelegentlich, dass Eltern eigene Wünsche unbewusst hinter dem Kindswohl einreihen und glauben, das Beste für das Kind zu tun, obwohl sie eigentlich das Beste für sich selbst verfolgen. Ein erfahrener Rechtsbeistand unterstützt dabei, den Blick wieder objektiv auf das Wohl der Kinder zu richten und nachhaltige Regelungen zum Wohle aller Beteiligten zu treffen.


Fazit: Durch Struktur und Beratung zu einer fairen Lösung

Eine Scheidung erfordert eine schrittweise Herangehensweise. Ein lösungsorientiertes Vorgehen mit dem Ziel einer einvernehmlichen Regelung schont Ressourcen, Zeit und Emotionen. Suchen Sie frühzeitig das Gespräch mit einer Fachanwältin oder einem Fachanwalt für Familienrecht, um Ihre Rechte zu kennen, Ihre Grenzen festzulegen und gestärkt aus dem Scheidungsprozess hervorzugehen.

Geprüft von rechtlichen Expert:innen

Dieser Fachbeitrag auf anwaltfinden.at wurde von österreichischen Anwältinnen und rechtlichen Expert:innen geprüft.

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