Strafanzeige erhalten – was passiert im Strafverfahren?
- Rechtsexperte: MMag. Manuel Steffen, LL.M.
- Strafrecht
Experteninterview mit Rechtsanwalt MMag. Manuel Steffen, LL.M.
Eine Strafanzeige ist der Einstieg in ein Strafverfahren mit oft weitreichenden rechtlichen und persönlichen Konsequenzen. Gerade die erste Phase wird von vielen unterschätzt, obwohl hier die entscheidenden Weichen gestellt werden. Wer nicht weiß, wie Ermittlungsbehörden arbeiten, welche Rechte bestehen und wie ein Strafverfahren abläuft, riskiert, durch unüberlegte Aussagen oder falsche Reaktionen die eigene Situation unnötig zu verschlechtern.
MMag. Manuel Steffen, LL.M., selbstständiger Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Wien tätig, begleitet regelmäßig Beschuldigte durch komplexe Strafverfahren. Er zeigt auf, wie Ermittlungen tatsächlich geführt werden, welche Handlungsmöglichkeiten bestehen und warum frühzeitige, strukturierte Verteidigung in der Praxis oft entscheidend ist.
anwaltfinden.at: Zu Beginn stellt sich die zentrale Frage: Ab wann gilt man im Strafverfahren überhaupt als Beschuldigter?
Sobald bei Polizei oder Staatsanwaltschaft konkrete Tatsachen vorliegen, die einen Verdacht begründen, gilt man in Österreich als Beschuldigter. Das passiert oft früher, als viele denken. Man kann sich das wie ein Drehbuch vorstellen, das von den Ermittlungsbehörden geschrieben wird, während man selbst noch gar nicht weiß, welche Rolle man darin spielt. Dem Beschuldigten hier Gehör zu verschaffen, ist die Aufgabe des Strafverteidigers
Erst wenn man mit den Behörden konfrontiert wird, etwa durch eine Ladung zur Einvernahme oder im Extremfall durch eine Hausdurchsuchung, wird einem klar, dass ein Strafverfahren läuft. Spätestens dann sollte man auch wissen, welcher konkrete Vorwurf im Raum steht.
anwaltfinden.at: Das heißt, eine Strafanzeige bedeutet nicht automatisch, dass man tatsächlich Täter ist?
Genau. Eine Anzeige bedeutet zunächst nur, dass ein Verdacht besteht. Ob dieser berechtigt ist, wird erst im Verfahren geklärt.
Wichtig ist dabei: Als Beschuldigter hat man Rechte, die man als Zeuge nicht hat. Dazu gehört vor allem das Recht zu schweigen und das Recht auf Akteneinsicht. Diese Rechte sollte man unbedingt kennen und nutzen.
Viele machen den Fehler, vorschnell auszusagen, weil sie glauben, sie müssten ihre Unschuld sofort beweisen. Ohne den Ermittlungsakt zu kennen, kann das aber schnell nach hinten losgehen. Ist man mit einem Vorwurf konfrontiert, heißt es zunächst Ruhe bewahren. Im Zweifel ist es besser zu schweigen und vorab anwaltlichen Rat einzuholen, das kann einem nicht verweigert werden.
anwaltfinden.at: Sie haben gerade die Akteneinsicht angesprochen – wie wichtig ist dieser Schritt in der Praxis?
Die Akteneinsicht ist zentral. Ohne zu wissen, was konkret gegen einen vorliegt, kann man sich nicht sinnvoll verteidigen.
In der Praxis bedeutet das: Ich schaue mir gemeinsam mit dem Mandanten den gesamten Ermittlungsakt an und analysiere, welche Beweise vorliegen, welche Aussagen gemacht wurden und wo mögliche Schwachstellen sind.
Erst auf dieser Grundlage entscheidet man, ob man eine Stellungnahme abgibt, Beweisanträge stellt oder vorerst schweigt.
anwaltfinden.at: Viele Betroffene werden zunächst als Zeugen geladen. Welche Risiken bestehen hier?
Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Eine Zeugeneinvernahme kann jederzeit in eine Beschuldigteneinvernahme übergehen, wenn sich währenddessen ein Verdacht ergibt.
Das Problem ist: Als Zeuge hat man nur in bestimmten Fällen ein Aussageverweigerungsrecht. Anders als einem Beschuldigten dem ein Aussageverweigerungsrecht grundsätzlich zu steht. Deshalb macht es durchaus Sinn sich auch vor einer Zeugeneinvernahme anwaltlichen Rat einzuholen. Es gilt nämlich zu bedenken, dass alles, was man sagt, später gegen einen verwendet werden kann.
Auch scheinbar beiläufige Gespräche mit der Polizei können in einem Amtsvermerk landen und Teil des Verfahrens werden. Deshalb ist es wichtig, auch in solchen Situationen vorsichtig zu sein und sich im Zweifel frühzeitig rechtlich beraten zu lassen.
anwaltfinden.at: Wenn man eine Ladung erhält, wie sollte man konkret reagieren?
Das Wichtigste ist: Ruhe bewahren und nichts überstürzen.
Man kann einen Termin in der Regel verschieben und sollte diese Zeit nutzen, um sich rechtlichen Rat zu holen. Gemeinsam mit einem Anwalt wird dann Akteneinsicht genommen und eine Strategie entwickelt.
Man sollte eine solche Situation keinesfalls auf die leichte Schulter nehmen. Ein Strafverfahren kann massive Auswirkungen auf das gesamte Leben haben – rechtlich, beruflich und finanziell.
anwaltfinden.at: Wie läuft ein Strafverfahren nach der Anzeige typischerweise ab?
Nach der Anzeige beginnt das Ermittlungsverfahren. In dieser Phase sammelt die Polizei Beweise und erstellt einen Abschlussbericht.
Die Staatsanwaltschaft entscheidet anschließend, ob das Verfahren eingestellt wird, ob eine Diversion angeboten wird oder ob Anklage erhoben wird.
Ein Gerichtsverfahren folgt also nicht automatisch. Ziel sollte immer sein, das Verfahren möglichst früh zu beenden – idealerweise schon im Ermittlungsstadium.
anwaltfinden.at: Welche Rolle spielt der Anwalt in dieser Phase konkret?
Der Anwalt sorgt dafür, dass der Beschuldigte nicht nur passiv betroffen ist, sondern aktiv am Verfahren mitwirken kann.
Das bedeutet konkret:
Ich stelle Beweisanträge, bringe entlastende Argumente ein und achte darauf, dass der Sachverhalt vollständig und korrekt dargestellt wird.
Ohne anwaltliche Vertretung läuft man Gefahr, dass sich ein einseitiges Bild verfestigt, das später nur schwer zu korrigieren ist.
anwaltfinden.at: Angenommen, es kommt doch zu einer Gerichtsverhandlung. Wie läuft diese ab?
Das hängt stark vom Vorwurf und vom Umfang des Falls ab. Viele Verfahren werden an einem Termin entschieden, besonders bei einfacheren Delikten.
Das Gericht muss auf Basis der Beweise feststellen, was tatsächlich passiert ist. Dabei spielt die Beweiswürdigung eine zentrale Rolle – und genau hier spielen die Ergebnisse des Ermittlungsverfahrens eine entscheidende Rolle. Das Gericht bereitet sich anhand des Ermittlungsaktes vor. Was das Gericht als Gegeben annimmt, lässt sich nur noch schwer korrigieren.
Deshalb ist es entscheidend, schon im Ermittlungsverfahren alles vorzubringen, was entlastend wirken kann.
anwaltfinden.at: Welche Konsequenzen drohen im schlimmsten Fall?
Viele denken zuerst an Geld- oder Freiheitsstrafen. Das ist aber nur ein Teil der Konsequenzen.
Hinzu kommen oft zivilrechtliche Schadenersatzansprüche, die schnell sehr hohe Summen erreichen können.
Außerdem kann eine Verurteilung Auswirkungen auf den Beruf haben, etwa durch Einträge im Strafregister oder den Verlust der gewerblichen Zuverlässigkeit. In manchen Fällen kann das existenzbedrohend sein.
anwaltfinden.at: Ist es problematisch, von seinem Schweigerecht Gebrauch zu machen?
Nein, überhaupt nicht. Das ist ein weit verbreiteter Irrtum, oft beeinflusst durch Filme aus dem anglo-amerikanischen Raum.
In Österreich macht es einen nicht verdächtig, wenn man schweigt oder einen Anwalt einschaltet. Im Gegenteil: Es ist ein legitimes Recht und ich rate davon Gebrauch zu machen.
anwaltfinden.at: Abschließend noch eine wichtige Frage: Kann sich eine Anzeige auch von selbst erledigen?
Ein Strafverfahren kann eingestellt werden, wenn sich der Anfangsverdacht nicht bestätigt. Darauf sollte man sich jedoch keinesfalls verlassen.
Wer nicht aktiv reagiert, riskiert, dass sich der Verdacht weiter verfestigt. Entscheidend ist daher, frühzeitig Einsicht in den Ermittlungsakt zu nehmen und gezielt zu handeln – idealerweise mit anwaltlicher Unterstützung, um entlastende Aspekte rechtzeitig einzubringen. Viele scheuen hier die Kosten eines Rechtsanwalts. Erfahrungsgemäß kommt es aber meist weit teurer, wenn man sich zu spät rechtsanwaltlichen Rat einholt oder darauf ganz verzichtet.
Rechtliche Hilfe rund um das Thema Strafrecht – MMag. Manuel Steffen, LL.M.
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